Komponist: Franz Schubert (1797-1828)
Textdichter: Johann Baptist Mayrhofer (1787-1836)

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Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Olga Monakh - Piano
Aufnahme: Sonntag, 03. Oktober 2010 - Berlin



Liedtext

heutige Schreibweise

Die Angel zuckt, die Ruthe bebt,
Doch leicht fährt sie heraus.
Ihr eigensinn'gen Nixen gebt
Dem Fischer keinen Schmaus!
Was frommet ihm sein kluger Sinn,
Die [Fischlein]1 baumeln spottend hin -
Er steht am Ufer fest gebannt,
Kann nicht in's Wasser, ihn hält das Land.

Die glatte Fläche kräuselt sich,
Vom Schuppenvolk bewegt,
Das seine Glieder wonniglich
In sichern Fluthen regt.
Forellen zappeln hin und her,
Doch bleibt des Fischers Angel leer,
Sie fühlen, was die Freyheit ist,
Fruchtlos ist Fischers alte List.

Die Erde ist gewaltig schön,
Doch sicher ist sie nicht!
Es senden Stürme Eiseshöh'n;
Der Hagel und der Frost zerbricht
Mit einem Schlage, einem Druck,
Das gold'ne Korn, der Rosen Schmuck -
Den Fischlein [unter's weiche]2 Dach,
Kein Sturm folgt ihnen vom Lande nach.

1 Schubert: "Fische"
2 Schubert: "unterm weichen"

Quelle(n) & alternative Kompositionen: www.lieder.net

Entstehung

komponiert: Januar 1817

Veröffentlichung (angezeigt): 19. Juni 1823

Originaltonart: d-Moll

Liedform: Strophenlied

Besonderheiten:

Zum Text

Textbild
Johann Mayrhofer

Johann Mayrhofer veröffentlichte seine Gedichte 1824 bei der eher kleinen Verlagsbuchhandlung Friedrich Volke in Wien. Diese Veröffentlichung ist als Digitalisat in der Österreichischen Nationalbibliothek online studierbar. Das Gedicht findet sich auf Seite 42. 3

Trotz intensiver Recherche ist es uns nicht gelungen, herauszufinden, wer Ulfru ist bzw. war. Michael Davidson und Henk Hillenaar deuten den Titel beispielsweise in ihrem Buch "Schubert and Mayrhofer":

"In the first stanza the identification seems to go to Ulfru the fisherman. He is the centre of the text. with his fishing gear, his wish to get a good meal out of the water and, above all, his growing disappointment. Ulfru's cunning is for naught. The fish win the match. In this context, the last line seems even rather strange; why should a fisherman enter the water? That has never been a successful technique to catch more fish. In the second stanza the poet reveals his real focus : he is on the side of the fish, identifies with them, and mocks the fisherman. He really enjoys their movements, their blithe swimming, their darting to and fro. Fish "feel what freedom is." However, the real surprise of this text is in the last stanza, where the identification with the fish assumes another dimension, in a surprisingly philosophical or symbolical fashion. Here, it seems that the poet cherishes the safety of the fish more than their freedom. They swim in "the safe waters", already mentioned in the second stanza, now contrasted with the insecurity of the earth, "beautiful" but not "safe." All the hazards of real life, "the little fish beneath their soft roof" do not know." 4

Die Deutung könnte aber auch ganz anders sein. Was, wenn Ulfru die Nixe wäre, die den Fischer in das Wasser locken möchte. - Wenn Ulfru fischt, dann fischt sie nach dem Fischer. - Das erklärt zumindest die sehnsüchtige dritte Strophe, denn unter der Wasserdecke scheint das Leben schöner zu sein als an Land. Eine ähnliche Thematik wie beispielsweise im Lied "Der Fischer".

"Wie Ulfru fischt" wurde und wird gern in Zusammenhang mit dem Lied "Die Forelle" gebracht. John Reed schreibt dazu in seiner "The Schubert song companion":

"It is difficult to avoid invidious comparisons with a roughly contemporary song, Die Forelle, which it closely resembles in tone and sentiment; and both songs show Schubert's mastery in the handling of the strophic song to produce a virtual identity of words and tune. But there is something in the stolid movement of this march tune which fails to match the lighthearted tone of the verses, so that it is quite overshadowed not only by Die Forelle but also by the two fine songs which make up op. 21" 5

 

Zur Musik

Mayrhofer war ein enger Freund Franz Schuberts und wohnte drei Jahre von 1819-1821 gemeinsam mit ihm in einer Wohngemeinschaft. Er schreibt am 23. Februar 1829 im Neuen Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst in seinen Erinnerungen an Franz Schubert:

"Mein Verhältniß mit Franz Schubert wurde dadurch eingeleitet, daß ihm ein Jugendfreund das Gedicht „am See" – es ist das vierte in dem bei Volke 1824 erschienenen Bändchen – zur Komposition übergab. An des Freundes Hand betrat 1814 Schubert das Zimmer, welches wir 5 Jahre später gemeinsam bewohnen sollten. Es befindet sich in der Wipplingerstraße (heute Nr.2).
(...)
Dieses Grundgefühl, und die Liebe für Dichtung und Tonkunſt machten unser Verhältniß inniger; ich dichtete,er komponierte, was ich gedichtet, und wovon Vieles seinen Melodien Entstehung, Fortbildung und Verbreitung verdankt." 6

Dieser engen Beziehung verdanken wir 47 Gedichtvertonungen durch Schubert.

Das vorliegende Opus ist Johann Mayrhofer gewidmet

Schubert war 20 Jahre alt, als er dieses Lied schrieb.

In der Leipziger "Allgemeinen musikalischen Zeitung" vom 24. Juni 1824 erscheint eine Rezension der Lieder op. 21 - op. 24.
Diese Rezension ist als Digitalisat ist im Münchener Digitalisierungszentrum der Bayerischen Staatsbibliothek online verfügbar.
Der Rezensent G. W. Fink bemerkt, daß Schubert keine Lieder schreibt und auch keine schreiben will, sondern freie Gesänge, manche so frei, daß man sie allenfalls Kapricen oder Phantasien nennen kann. Er bemängelt bei Schubert die

ungebührlich heftige Neigung, nur immer fort und fort, ruh- und rastlos zu modulieren und wieder zu modulieren, die eine wahre Krankheit der Zeit und bald zur Modulationsmanie geworden ist. 7

Er führt dies an einigen Beispielen in op. 21, 22 und 23 aus, spart dabei auch nicht mit Verbesserungsvorschlägen

Zur Veröffentlichung

Zur Quellenlage (Manuskripte etc.) kann man sich im thematischen Verzeichnis von O.E.Deutsch informieren.

Die Veröffentlichung der hier vorliegenden zweiten Fassung besorgte Sauer & Leidesdorf als op. 21: 8

Auf der Donau. D 553
Der Schiffer. D 536
Wie Ulfru fischt. D 525
von Johann Mayerhofer.

Für eine Baßstimme mit Begleitung des Pianoforte in Musick gesetzt
und dem Verfasser der Gedichte gewidmet
von seinem Freunde
Franz Schubert.

Aus der amtlichen "Wiener Zeitung" vom 19. Juni 1823 9

In der k. k. privel. Kunst-, Alabsater- und Musikalienhandlung
von Sauer und Leidesdorf
in Wien, Kärntnerstraße Nr. 941, ist so eben neu erschienen:

Auf der Donau. Der Schiffer.
Wie Ulfru fischt.

Gedichte von J. Mayrhofer
In Musik gesetzt für eine Baßstimme, mit Begleitung des Pianoforte
von
Franz Schubert.

21tes Werk. Preis 1 fl. 30 kr W. W.


Quelle(n)

3 Österreichische Nationalbibliothek - Digitalisierte Sammlungen, Gedichte von Johann Mayrhofer, Wien, Verlag Friedrich Volke, 1824, Sig. 71.Bb.5.(Vol.1)

4 Schubert and Mayrhofer, Michael Davidson & Henk Hillenaar, Verlag Kahn & Averill, 2008, S.89 ff.

5 The Schubert Song Companion, Manchester University Press Series, John Reed, Verlag Manchester University Press, 199, S. 436

6 Österreichische Nationalbibliothek, Digitalisierte Sammlungen, Neues Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst, Signatur: 392789-C.20.21 

7 Bayerische Staatsbibliothek, Digitale Sammlungen, Rochlitz, Friedrich, Allgemeine musikalische Zeitung, Leipzig; Winterthur 1824

8 Österreichische Nationalbibliothek - Digitalisierte Sammlungen, Sauer und Leidesdorf, Erstdruck op. 21, Sig. SH.Schubert.95

9 Österreichische Nationalbibliothek, Digitalisierte Sammlungen, Österreichische Nationalbibliothek, ANNO, Digitalisierte Zeitungen und Zeitschriften,, Österreichisch-kaiserliche privilegierte Wiener Zeitung Jhg. 1823, Ausgabe vom 19. Juni, S.4

Deutsch, Otto Erich. Franz Schubert: Thematisches Verzeichnis seiner Werke in chronologischer Folge, Bärenreiter 1967, S.306


Geschrieben von: Peter Schöne

Noten

Alte Gesamtausgabe Serie XX, Bd. 05, Nr. 296

Neue Gesamtausgabe

Bärenreiter Urtext II » 126

Originalversion des Liedes

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Quelle imslp.org o.a.: Wie Ulfru fischt - Zweite Fassung.pdf