Komponist: Franz Schubert (1797-1828) Textdichter: Ludwig Gotthard Kosegarten (1758-1818)

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Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Boris Cepeda - Piano
Aufnahme: Dienstag, 03. Februar 2009 - Erfurt

Liedtext

   Ich lag auf grünen Matten,
An klarer Quellen Rand.
Mir kühlten Erlenschatten
Der Wangen heißen Brand
Ich dachte dies und jenes,
Und träumte sanftbetrübt
Viel Gutes und viel Schönes,  
Das diese Welt nicht gibt.

   Und sieh dem Hain entschwebte
Ein Mägdlein sonnenklar.
Ein weisser Schleier webte
Um ihr nußbraunes Haar.
Ihr Auge feucht und schimmernd
Umfloß ätherisch Blau.
Die Wimpern nässte flimmernd
Der Wehmut Perlentau.

   Ein traurig Lächeln schwebte
Um ihren süßen Mund.
Sie schauerte, sie bebte.
Ihr Auge tränenwund,
Ihr Hinschaun liebesehnend,
So wähnt' ich, suchte mich.
Wer war wie ich so wähnend,
So selig wer, wie ich!

   Ich auf sie zu umfassen –
Und ach! sie trat zurück.
Ich sah sie schnell erblassen,
Und trüber ward ihr Blick.
Sie sah mich an so innig,
Sie wies mit ihrer Hand,
Erhaben und tiefsinnig
Gen Himmel, und verschwand.

   Fahr wohl, fahr wohl, Erscheinung!
Fahr wohl! Dich kenn' ich wohl!
Und deines Winkes Meinung
Versteh' ich, wie ich soll! –
Wohl für die Zeit geschieden
Eint uns ein schön'res Band.
Hoch droben, nicht hienieden,
Hat Lieb' ihr Vaterland.

   Ich lag auf grünen Matten,
An klarer Bächlein Rand.
Mir kühlten Tannenschatten
Der Wangen heissen Brand.
Ich dachte dis und jenes,
Und träumte sanftbetrübt
Viel Süsses mir und Schönes,  
Das diese Welt nicht gibt.

   Und sieh! dem Hain entschwebte
Ein Mägdlein sonnenklar.
Ein weisser Schleier webte
Um ihr nußbraunes Haar.
In Ihren Augen glühte
Das reinste Himmelblau
Auf ihren Wangen blühte
Die hellste Rosenau!

   Um ihre Lippen schwebte
Ein Lächeln hold und gut.
An ihren Wimpern bebte
Die Perl' der Wehemut.
Ihr Auge mild' und thränend
So wähnt' ich, meinte mich –
Wer war, wie ich, so wähnend?
So selig wer, wie ich?

Ich auf, sie zu umfassen –
Und ach! sie wich zurük.
Ich sah sie jäh erblassen,
Und dunkler ward ihr Blik.
Sie sah mich an so innig,
Sie wies mit ihrer Hand,
Still, tief und edelsinnig
Gen Himmel, und verschwand.

   Fahr wol, fahr wol, Erscheinung!
Fahr wol, dich kenn' ich wol!
Und deines Winkes Meinung
Versteh' ich, wie ich soll! –
"Kein Lieben und kein Loben
"Verdient der Erde Tand.
"Nur droben stralt, nur droben
"Der Liebe Vaterland."

Ich lag auf grünen Matten,
Am klaren Quellen Rand.
Mir kühlten Erlenschatten
Der Wangen heisse Gluth.
Ich dachte diess und jennes,
Und träumte sanft betrübt
Viel Gutes und viel Schönes,  
Was diese Welt nicht gibt.

Und sieh dem Hain entschwebte
Ein Mägdlein sonnenklar.
Ein weisser Schleyer webte
Um ihr nussbraunes Haar.
Ihr Auge feucht und schimmernd
Umfloß ätherisch Blau.
Die Wimper fasste flimmernd
Der Wehmut Perlenthau.

Ein traurig Lächeln schwebte
Um ihren süssen Mund;
Sie schauerte sie bebte
Ihr Auge thränend wund,
Ihr Hinschaun liebesehnend
Sie, wähnt' ich, suchte mich –
Wer war wie ich so wähnend?
So seelig wer, wie ich?

Ich auf sie zu umfassen –
Und ach! sie trat zurück.
Ich sah sie schnell erblassen,
Und trüber ward ihr Blick.
Sie sah mich an so innig,
Sie wies mit ihrer Hand,
Beteutend und tiefsinnig
Gen Himmel und vershwand.

Fahr wohl! fahr wohl Erscheinung!
Fahr wohl dich kenn ich wohl!
Und deines Winkes Meinung
Versteh ich wie ich soll! –
Wohl für die Zeit geschieden
Knüpft uns ein schönres Band;
Hoch oben nicht hienieden
Hat Lieb ihr Vaterland!

Zum Text

Der Pfarrer Ludwig Gotthard Kosegarten schrieb sein Gedicht Die Erscheinung in "Kiesow, im Sommermond 1787".

Es wurde in Gedichte von Ludwig Theobul Kosegarten, Band 2 beim Verlag Ernst Martin Gräff, 1788 in Leipzig veröffentlicht. S. 225ff.
▪ Digitalisat auf books.google.com

Weitere Ausgaben des Gedichtes:

1798 Poesieen(sic!) Band 2, bei Heinrich Gräff, Leipzig, S. 63ff.
▪ Digitalisat im Münchener Digitalisierungszentrum

1803 Poesieen(sic!) Band 2, Neueste Auflage, Berlin, S. 196ff. 
▪ Digitalisat auf books.google.com

Textbild
Max Mendheim: Portrait des Dichters Ludwig Gotthard Kosegarten

Zur Musik

komponiert: 7. Juli 1815

Veröffentlichung (angezeigt): 11. Dezember 1824

Originaltonart: E-Dur

Liedform: Strophenlied

Besonderheiten:

Morten Solvik schrieb in den Jahren 1997 und 1999 in einem online erschienenen Artikel über die Möglichkeit, dass Schubert mit den 20 Liedern, die 1815 auf Gedichte von Kosegarten entstanden, einen ersten Liederzyklus schreiben wollte. Ähnlich wie acht Jahre später Die schöne Müllerin. 3.1

Zu diesem Zyklus gehören laut Morten Solvik die folgenden Lieder:

1 Huldigung D 240
2 Alles um Liebe D 241
3 Von Ida D 228
4 Die Erscheinung D 229
5 Das Finden D 219
6 Idens Nachtgesang D 227
7 Die Sterne D 313
8 Nachtgesang D 314
9 Die Täuschung D 230
10 Das Sehnen D 231
11 Die Mondnacht D 238
12 Abends unter der Linde D 237
13 Das Abendrot D 236
14 Geist der Liebe D 233
15 Der Abend D 221
16 Idens Schwanenlied D 317
17 Schwangesang D 318
18 Luisens Antwort D 319
19 An Rosa I D 315
20 An Rosa II D 316

Schubert vertonte insgesamt 22 Texte von Kosegarten. Zählt man alle Fassungen dazu, liegen uns heute 24 Vertonungen vor. 14 Lieder entstanden zwischen 25. Juni und 27. Juli 1815. 7 Lieder an nur einem Tag: den 19. Oktober 1815. Nur An die untergehende Sonne wurde erst 1817 geschrieben.

Zur Veröffentlichung

Zur Quellenlage (Manuskripte etc.) kann man sich im thematischen Verzeichnis von O.E.Deutsch informieren.

Die Erstveröffentlichung besorgte Sauer & Leidesdorf als "Weihnachts- und Neujahrsgeschenk" in Album Musicale. Recueil De Compositions Originales Pour Piano Et Chant. IId Année. (Gesang, Klavier.) 4.1

Aus der amtlichen Wiener Zeitung vom 11. Dezember 1824 4.2

Die Veröffentlichung als op. 108 besorgte M. J. Leidesdorf, VN 1102, Wien 4.3

Uiber Wildemann von Ernst Schulze D 884
Erinerung (sic!) von Kosegarten D 229
Todeskuß von Schober D 758

In Musik gesetzt für Gesang mit Begleitung des Pianoforte von Franz Schubert

Aus der amtlichen Wiener Zeitung vom 28.01.1829 4.4

Noten

Alte Gesamtausgabe Serie XX, Bd. 02, Nr. 92

Neue Gesamtausgabe IV, Bd. 05

Friedländer Bd. IV » 117

Bärenreiter Urtext V » 110

Erstdruck

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Originalversion des Liedes

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Quelle(n)

3.1 Morten Solvik - Kosegarten cycle unter: http://www.gopera.com/lieder/kosegarten/ (abgerufen am 04. Oktober 2019)

4.1 Österreichische Nationalbibliothek, Album Musicale. Recueil De Compositions Originales Pour Piano Et Chant. IId Année. (Gesang, Klavier.). Wien: Sauer & Leidesdorf, 1824. Sig: SH.SW.2

4.2 Österreichische Nationalbibliothek, ANNO, digitalisierte Zeitungen und Zeitschriften, Österreichisch-kaiserliche Wiener Zeitung, Jhg. 1824, Ausgabe vom 11. Dezember, S. 4

4.3 Österreichische Nationalbibliothek, Digitalisierte Sammlungen, Schubert, Franz. Op. 108. No 1102. Eigenthum Des Verlegers. (Gesang, Klavier.). Erstdruck. ed. Wien: M. J. Leidesdorf, 1829. Sig: SH.Schubert.391

4.4 Österreichische Nationalbibliothek - ANNO, Digitalisierte historische Zeitungen und Zeitschriften, Wiener Zeitung, Jhg. 1828, Ausgabe vom 28. Januar

Deutsch, Otto Erich. Franz Schubert: Thematisches Verzeichnis seiner Werke in chronologischer Folge, Bärenreiter 1967, S.Ich

Noten-Quelle auf imslp.org o.ä.: Erinnerung - Die Erscheinung.pdf

Textquelle und alternative Kompositionen: www.lieder.net

Geschrieben von: Peter Schöne

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